Raqchi und seine Schätze

 

 

Tour Süd-Perú 2017 - Tag 06 - Cusco - Wiracocha 2017Ursprung und Bedeutung

Der Name "Raqchi" kommt aus der indigenen Sprache Quechua und beschreibt einen aus Tonerde gebrannten Keramiktopf. Der Ursprung des Wortes beschreibt ebenfalls genau die Haupttätigkeit der Bevölkerung dieser Region, zu der dieser archäoligische Ort Raqchi seit der vorspanischen Zeit befand und von dem aus die Anwohner dieser Region ihre Keramikarbeiten an die verschiedensten Orte im Süden der Anden brachten. Seit je her sind die Bewohner von Raqchials "Keramiker" oder "Handwerker" bekannt und sind auch heute noch immer mit dem Keramikhandwerk sehr verbunden. Bei archäoligischen Ausgrabungen fanden die Forscher immer wieder sehr viele Keramikarbeiten aus der vorspanischen Zeit.Raqchi

Die kleine Bauerngemeinde Raqchi liegt im Bezirk San Pedro, die mit der der Region Canchis zur Provinz Cusco gehört. Der Ort ist von der Strasse, die Cusco und Puno verbindet, per Bus, Coletivo oder auch zu Fuß zu erreichen. Sie liegt auf der Karte auch am Ufer des Vilcanota-Flusses. Die Gemeinde besteht mit ihren drei Wohnvierteln Hanansaya, Urinsaya und Qullana Ayllu aus ca. 150 Familien, die ihre kulturelle Identität und die uralten Strukturen bewahren. Die Ruinenanlage ist ca. 100 km südlich von Cusco und bereits von der Straße aus erkennen. Trotz allem ist sie gerade darum recht weit vom eigentlichen Umtrieb der Touristen, und somit auch vom Touristenstrom aus Cusco weitgehend verschont geblieben.

 

Die archäoligische Stätte "Wiracocha"

Tour Süd-Perú 2017 - Tag 06 - Cusco - Raqchi Temple 2017Laut Inka Garcilaso de la Vega wurde die Zitadelle unter dem Inkakönig Wiracocha gebaut. Zwischen 1439 und 1471, während der Regentschaft von Inka Pachacútec wurde sie erweitert und in der dritten Bauphase laut dem spanischen Conquistador, Chronist und Historiker Perús, Cienza de Leon unter dem Inka Tupanqui zwischen den Jahren 1471 und 1493 fertiggestellt.

Tour Süd-Perú 2017 - Tag 06 - Cusco - Raqchi Temple 2017

Das Heiligtum diente grund-legenden Zwecken; Es wurden religiöse Zeremonien zu Ehren des Gottes Wiracocha abge-halten, der als unsichtbarer Hauptgott galt und auch unter dem Namen "Apu Kon Titi Wiraqocha" bekannt wurde. Wiracocha gilt auch als Schöpfer der Sonne, des Mondes, der Sterne, der Tiere, der Pflanzen, der Menschen und der Erde. Der Ort diente auch als Vorratslager für Nahrungsmittel. Der aus der Quechuasprache stammemde Name Wiraqocha setzt sich aus den Worten "Wira" (Wasserschaum) und dem Wort "Qucha" (der Personifizierung der Mutter Laguna oder auch Göttin des Wassers) zusammen, die sich im indigenen Kreuz, das auch unter dem Namen "Tawa Chakana" (ein gleichseitiges indigenes Kreuz) bekannt ist, befindet. Verehrt wird diese in der Konstellation "Willka mayu", und die Chakanas sind in den Hauptmauern des Heiligtums eingeritzt.

Querschniit durch den Tempel

Für die damaligen Verhältnisse ist der Tempel ein riesiges Bauwerk. Architektonisch bezeichnet man es auch als "Kallanka" (großes abgedecktes Haus). Es ist eine typische rechteckige Inka-Konstruktion mit einem Strohdach in dem mehrere hundert Personen untergebracht werden konnten. Die Außenmauern des Tempels sind rund 92 m lang und 25,25 m breit. Die Hauptmauer kommt auf eine Höhe von drei Metern. Die Basis mit ihren Nischen von ca. 9 Metern Länge besteht aus Steinen von bis zu drei Metern Höhe. Die Lehmmauern sind 1,65 m hoch und von ihrer Basis bis zu den oberen Enden etwa 1,30 m dick.

Besonders auffallend und markant ist die Mauer aus Lehmziegeln, die sich in der Mitte des Gebäudekomplexes bis auf eine Höhe von ca. zwölf Metern erstreckt und den Tempel somit in zwei gleichmäßige Hälften aufteilt. Errichtet wurden die Steinmauern des Tempels nicht nur aus Lehm, sondern auch aus dem Vulkangestein die extra für den Bau herangetragen wurden. Dadurch erscheinen die Wände in einem ganz anderen Licht, als die von anderen Tempelanlagen. Der mittig geteilte Tempelbau von Raqchi wird von den Forschern der Präinkazeit zugeordnet, in der auch die Tiwanka-Kultur ihre zeitliche Zuordnung findet. Wiraquocha oder heute auch Wiracocha wurde laut Inka Garcilaso de la Vega zusammen mit der zitadellenartigen Restbebauung der Anlage unter dem Inka-König Wiracocha gebaut und trägt deshalb auch heute noch seinen Namen. Wiracocha war den Geschichten der Spanier nach zur Folge einer der wichtigsten Gottheiten der Andenregion um Cusco.

 

Chakana

Chakana

In der andinen Kultur wurden die heiligen Stätten mit schönen Figuren ausgestattet, bzw. dekoriert. Allgegenwärtig ist dabei auch das andine Kreuz, das eingraviert oder auch in Putz hergestellt wurde. Im Wiracocha-Tempel wurde das Kreuz mit sieben Stufen aus feinster Tonerde verputzt, die die sieben Farben eines Regenbogens und die sieben festen Formen im damaligen andinen Weltbild repräsentieren: Mann - Frau, Sonne - Mond, Berg - Mutter Erde (Pachamama), Morgenlicht - Licht der Dämmerung, Blitz - Regen, Regenbogen - Wind.

Die drei Welten der indigenen Cosmovision werden auch verkörpert als: Hanq Pacha wird durch den "Mallku Kuntur", den Condor dargestellt, der für Weisheit und Intelligenz steht. Für Kay Pacha, die Welt in der wir alle leben, steht der Puma als Symbol für Kraft und unermüdlichen Tatendrang. Ukhu Pacha wird durch Amaru repräsentiert, der Schlange, die die Begegnung mit der Natur und den Gottheiten der Erde oder des Universums darstellt.

 

 

Der Inkatrail

InkatrailRaqchi - Die Steintreppen


Auch die ursprüngliche Wegverbindung in den Süden, den die Inka geschaffen haben, der sogenannte Inkatrail führt direkt durch die Tempelanlage von Wiracocha. Bereits die Vorfahren der Inka weiteten die ersten Wege immer weiter aus und pflasterten sie, bauten Brücken und Wachposten. Qhapac Ñan, wie die königliche Straße der Inka auch genannt wird, ist am Ausgang und Eingang des Wiracocha-Tempels noch intakt zu sehen. Über diese Straßen bewegten sich die "Chaskis", die Botenläufer, die weite Strecken innerhalb des Inka-Imperiums zurücklegten und auch Menschen, die für Zeremonien zu den Tempelanlagen und Städten reisten. Im etwas außerhalb der Tempelanlage gelegenen gartenähnlichen Teil kann man auch noch immer Teile des Inkatrails erkennen und trifft dann an der Unterkante des Berges auf die immensen Treppenanlagen, die sehr gut erhalten sind.

 

Der Kernbereich der Anlage

Tour Süd-Perú 2017 - Tag 06 - Cusco - Raqchi Temple 2017


Die Gebäude im Kernbereich waren exklusiv den astronomischen Beobachtungen vorbehalten, womit auch der landwirtschaftliche Kalender prognostiziert wurde. Hier befanden sich gleich drei parallele Straßen, zwölf Wohnräume mit jeweils einer Abtrennungsmauer, die der mittleren Mauer des Tempels sehr ähnelt. Zehn dieser Wohnungen waren ausgewählten weisen Frauen vorbehalten. Es gab acht Innenhöfe, in denen die "Yachaq" und die "Awkis" mit Chakana kommunizierten, der Sonne, dem Mond, den Sternen und dem Schatten, den Plejaden (einem Sternhaufen, der ein Teil der Milchstraße ist) und vielen anderen Teilen des Gestirnes. Die heiligen Wohnräume haben 29 Mauernischen, die den 29 Mondzyklen entsprechen. In einem der heiligen Innenhöfe wirde immer am 21. Juni die Wintersonnenwende gefeiert, die den Beginn des andinen Jahres markiert.

Raqchi


Der "Inti Tayta" der auf der Höhe des Apu Awkisa in einer der Ecken des Innenhofes morgens gegen 6.45 Uhr erscheint, formt die ersten Sonnenstrahlen in den Gassen zu einem Schatten von etwa 45 Grad formt. Dieser Schatten verbindet sich mit der diagonalen der Chakana und weist somit auf die Ausrichtung des Planeten zum Südpol hin. Das ist schon imposant zu sehen, wie die Vorfahren der Inka mit so einfachen Mitteln hinbekamen und ihre Gebäude so nach dem Sternensystem ausgerichtet haben. Die Hauptstraße der Anlage richtet sich nach dem Sonnenaufgang und der Sommersonnenwende am 21. Dezember. Das ist dann auch die Jahresmitte im andinen Kalender.


Die Wohnungen innerhalb der Tempelstadt waren für weise Menschen bestimmt oder solche, die von den "Apus", den Schutzgöttern der Berge auserwählt wurden. So wurde zum Beispiel der "Paqu", der andine Priester von "Llapa", von einem Blitz getroffen. An besonderen heiligen Tagen wurden hier im Tempel Rituale durchgeführt, an deren Zeremonien auch der amtierende "Raqchi Ayllu" teilgenommen hat.

 

Die Colcas

Raqchi - ColcasRaqchi - Colcas

Auf der Südseite der Wiracocha-Tempels befinden sich auf diesem Gelände noch 156 "Pirqa"-Rundbauten. Sie wurden mit einem Durchmesser von 8 m aus grobem Vulkangestein und Mörtel aus Lehm gebaut. Dadurch waren diese Gebäude für die Bewohner sehr angenehm klimatisiert. Ein wichtiges Detail dieser auch "Colcas" genannten Gebäude ist, dass sie erdbebenfest sind und jedes für sich selbst einzigartig ist. Die Rundbauten wurden so angeordnet, dass sie 10 Reihen mit kleinen Gassen dazwischen bilden. Jedes dieser Gebäude hat zwei kleine Fenster zur Belüftung und eine Tür von ca. 2 m Höhe und 0.65 m Breite. Die Nachforschungen der unterschiedlichsten Archäologen haben ergeben, dass sie ursprünglich einmal mit einem kegelförmigen Dach, den "Ichhus" bedeckt waren. Die Form der Dächer und der Gebäude lässt auch darauf schließen, dass sie einmal als Kornkammern oder Vorratsräume gedient haben, als das Inka-Imperium dort grosse Mengen an landwirtschaftlichen Produkten aufbewahrte. So wurden bei den archäologischen Untersuchungen immer wieder Spuren von Mais, verschiedenen Kartoffelsorten, Tarwi, Chuno, etc. und auch fleischliche Produkte und auch z.B. Chárki, einem getrocknetem Fisch gefunden und viele andere Sachen. Die Gesellschaft der Tahauntinsuyo legte diese für die Zeiten von Hungersnöten und Dürren an, um eben dann auch versorgt zu sein. Die Anordnung der Bauten ähnelt in ihrer Gruppierung übrigens auch der Form des Sternbildes der Plejaden (einem Sternhaufen aus der Milchstrasse) oder "Qullqa".

 

Der Usnu und die Rituale

Raqchi - Ushnu

Der Ushnu ist eine pyramidenförmige Konstruktion, die von den Inka für die Leitung der Zeremonien und der Verehrung der Götter verwendet wurde. Hier konzentriert sich auch eine spezielle magnetische Kraft, die sich positiv auf die Stärkung des Bewustseins auswirkt, womit der Inka oder der jeweilige Vertreter die Zeremonien und die rituellen Zusammenkünfte leitete. Während der rituellen Zusammenkünfte wurden oftmals Getränke aus den heiligen Coca-Blättern vorbereitet und an einen bestimmten Personenkreis dargereicht. An dieser Stelle befindet sich auch "Wakás", ein heiliger Ort, der der Gottheit der Felsenmutter geweiht ist. Die Felsenmutter sollte so belebt werden, ist aber dennoch unbeweglich geblieben. Nur ganz bestimmte Männer und auch Frauen aus dem Ort Raqchi führten an den heiligen Tagen die Rituale durch. In den vier Wohnungen, die sich auf der Anhöhe befinden, wurden in der Zeit von Tahauntinsuyo die sogenannten "Yachaq" als Zeichen einer sprituellen Bündelung von Kräften vorbereitet.

Die Hauptzeremonie war die wechselseitige Kommunikation zwischen den Dankesgöttern und den Geistern, die mit den Naturgottheiten in Verbindung gebracht wurden, wie den "Apus", den Gottheiten, die in den Berggipfeln wohnen, der "Pachamama" (der Mutter Erde und Göttin der Fruchtbarkeit), sowie den "Wakás" (Zu diesen zählen: Die Sonne, der Mond, die Sterne, der Blitz, das Wasser und der Hagel). Die Opfergaben beinhalteten ausgewählte Cocablätter die "K´intus" genannt wurde, Chicha (aus Mais gegorenes Bier), "Untu" (Alpacafett), Wein, "Huayruros" (ein bunter rotschwarzer Samen), Mais und anderes. Dieses Ritual dient zur Vermittlung zwischen den göttlichen und menschlichen Welten und wird in den Monaten August, Februar, aber auch anderen Zeitpunkten durchgeführt.

 

Die heiligen Bunnenquellen

Raqchi - Inkabad

Das sogenannte "Bad der Inka" besteht aus fünf kleinen Wasserfällen, die verehrt wurden. Die "Unv mama" ist die "Waká" oder auch Göttin des Wassers, die Mutter allen Lebens. Die vitale und kristalline Flüssigkeit, die aus den heiligen Lagunen der "Apu Awkisa" und des "Inka Puhu" entspringt, symbolisiert die spirituelle Reinigung der Menschen, die sich in Raqchi zusammenfinden und die sich vor ihrem Eintritt in die Orte der Zeremonien geistig und sprituell zu waschen hatten. Zwei dieser Wasserfälle richten sich nach den Sonnenwenden aus und die drei anderen dienen weiter zur Kommunikation mit der "Chakana" (dem indigenen Kreuz).

 

Die Kapelle von Raqchi und die Souvenirs im Eingangsbereich

Tour Süd-Perú 2017 - Tag 06 - Cusco - Raqchi Temple 2017Die ersten Geschichten der Aufzeichnungen benennen das Bauwerk als Kapelle des Erzengel Michael schon in einer Zeit vor etwa 300 bis 350 Jahren. Edilfonso Mamani und Marcos Arósquipa Rodriguez zeichnen sich verantwortlich für den Bau des Hanansaya-Turms, der von Manuel Amaru gebaut wurde. Der letztere übernahm dann auch den Bau des Urinsaya-Turms. Alle drei Personen wurden in Raqchi geboren und waren höhere Steinmetze.

Für den Bau und die Heranschaffung des Vulkangesteines verwendete man "Ayni" oder das System der gemeinschaftlichen Landarbeit. Die Frauen breiteten das Essen und die heilige Chicha zu. Der Ort der Kapelle wurde einheitlich beschlossen. Nun ist die Kapelle zwischen 300 und 350 Jahre alt und beherrbergt zwei Jungfrauen und einen katholischen Heiligen: De las Nieves, den Erzengel Michael und Rosario. Ihre jeweiligen religiösen Feierlichkeiten finden am 5. August, 29. September und am 17. und 18. Oktober statt. Dazu werden typische Tänze aufgeführt, darunter auch Quyache, Káche Wayna, Auqa Chileno und Qhapaq Qulla.

 

Anmerkungen:

Raqchi - Verkauf im InnenhofDas schöne an dieser Ruinenanlage ist, dass sie noch nicht so überlaufen ist und wenn man am früheren Morgen kommt, dann kann man die Anlage auch noch ohne viele andere Touristen genießen. Unter der Woche fahren verschiedene Reiseunternehmen (auch aus Deutschland, Österreich und der Schweiz) auf dem von Puno nach Cusco oder auf den umgekehrten Weg hier vorbei und halten nur relativ kurz um sich die Tempelanlage anzusehen. Aber die Zeit für die Fahrten mit dem Bus sind schon sehr knapp bemessen und die Programme sehr straff organisiert, so dass kaum Zeit für eine komplette Besichtigung, geschweige denn für eine eigene Erkundung bleibt. so jedenfalls die Aussagen einiger Busfahrer, die wir befragen konnten. Es lohnt sich also Raqchi möglichst individuell zu besuchen.

Wie an vielen anderen Sehenswürdigkeiten, so auch hier in Raqchi finden sich kleine Stände und Läden, bei denen man Souvenirs einkaufen kann. Es werden hier z.B. handgemachte Keramikarbeiten und natürlich auch Kleidung, Taschen und sehr viel Kleinigkeiten angeboten.

Der Eintritt zu den Tempelruinen kostet aktuell 10 Soles und ist vor Ort zu entrichten.

Wenn ihr eine private Führung mit Erklärungen dazu bekommen wollt, dann besteht die Möglichkeit das mit den Führern vor Ort zu verhandeln. Die Führung mit unserer Freundin Lidia z.B. kostet 20 Soles. Ansonsten könnt ihr auch auf uns zurückgreifen, sollten wir eure Tour begleiten dürfen.